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Jun 04

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Anno 1280 – Ein Mann wie ein Unfall mit Fahrerflucht

 

Der Journalist war mir sofort negativ aufgefallen. Er wieselte am Samstag über den Platz von Anno 1280 und überall, wo er auftauchte, verlangte er sofortige Aufmerksamkeit. Er dirigierte die Objekte seines kurzweiligen Interesses vor seinem Objektiv in Pose, drückte ein paar Mal den Abzug, notierte die Antworten auf zwei, drei oberflächliche Fragen und eilte wieder davon. Für ihn hatte jeder stehen und liegen zu lassen, was er grade tat und ihm entgegen zu kommen.

Als er schließlich vor unserem Lager stand, warfen auch die Jungs sich wie verlangt in Pose, schön kämpferisch mit Schild und Lanze. Das Kernstück unserer Ausstellung, das mittelalterliche Chirurgen-Besteck, Hightech in der damaligen Zeit, interessierte nicht.

An mir hatte er auch kein Interesse. Zugegeben, ich trug weder Rüstung noch Waffenrock. In der Bildergalerie, die man online sehen kann, sind Frauen generell eher Beiwerk. Die einzigen, die ihre Komplettaufnahme bekamen, waren die Schleierfee und die weiblichen Schauspieler im Drachentheater.

Männer in Rüstung sind wohl einfach interessanter für die Leserschaft.

Er fragt die Jungs, ob sie zu den anderen Hospitalitern gehören würden, die er da hinten auf dem Markt getroffen habe. Wir schauen verwirrt in die Richtung. Dort sind nur Verkaufsstände, kein Heerlager. Die Raben zu Stromberg, die dieselben Waffenröcke tragen und zusammen mit meinen drei Jungs die Leibgarde des Grafen stellen, lagern in der entgegengesetzten Richtung, nur einige Zelte weiter.

Nein, die würden dieses Jahr nicht hier lagern, aber sie überlegten sich, das nächstes Jahr zu tun.

Der Journalist hat eine Visitenkarte bekommen, zeigt sie uns kurz. Es ist ein hübsches Foto auf einer Seite, mit etwas Schrift drauf. Viele Männer in Rüstung und Waffenrock lächeln uns an.

Nein, die kennen wir nicht, wir gehören nicht zu einer größeren Truppe, wir machen das privat und zum Spaß.

Ach so.

Ich sehe sein Interesse weiter fallen.

Er notiert sich aber noch einige kurze Fakten zum damaligen Hospitaliter-Orden, bevor er sich zum Gehen wendet.

Ich frage ihn noch, von welcher Zeitung er sei und wann man den Artikel lesen könne. Er schaut mich an, als sehe er jetzt erst, dass ich überhaupt anwesend bin. Nach einer knappen Antwort ist er weg.

 

Als mein Mann und ich den Artikel lesen, sind wir enttäuscht.

Mein Mann ist in einem der Bilder zu sehen, aber nur als zufälliges Beiwerk im Hintergrund.

Der Journalist hat uns nicht erwähnt. Nicht einmal die Raben zu Stromberg, die den Großteil der gräflichen Wachmannschaft  gestellt und viel Verantwortung und Arbeit auf Anno 1280 übernahmen, hat er erwähnt.

Die anderen Hospitaliter, die, die nicht einmal Teil des Ganzen waren, hingegen schon. Er nennt ihre Truppe sogar beim Namen, gibt ihnen das einzige wörtliche Zitat im Text und ihrem Plan, nächstes Jahr im Heerlager dabei zu sein einen eigenen Abschnitt mit Überschrift, der gut ein Viertel des kompletten Artikels ausmacht.

 

Tja, denke ich mir, man sollte die Überzeugungskraft einer hübschen Visitenkarte niemals unterschätzen…

Und wenn man über den Platz heizt wie ein Porsche in Fahrerflucht, dann bleiben vermutlich auch nicht viele der subjektiv vorgefilterten Eindrücke hängen.

 

Trotzdem schade, denn die anderen anwesenden Reporter haben gezeigt, dass man in stiller Unaufdringlichkeit bessere Arbeit leisten kann.

Vielen Dank an Raimund Vornbäumen und Holger Kosbab von der Neuen Westfälischen und Carsten Borgmeier vom Westfalenblatt für Ihre dezente Berichterstattung und mein Kompliment an Herrn Borgmeier für die schönen Fotos. Der überwiegende Großteil wird erfrischen ungestellt und sie sind allesamt sehr gut getroffen.

 

Hier findet Ihr den Artikel und die Fotostrecke der Neuen Westfälischen.

Hier findet Ihr den Artikel und die Fotostrecke des Westfalenblatts.

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3 Kommentare

  1. July

    Hallo Anna.Leia,
    ich fand Deinen Artikel über den seltsamen Journalisten sehr interessant und sogar lustig, weil er leicht zynisch war. Manchmal erlebt man so witzige oder skurrile Sachen, die einen erst nerven, aber nachher ne gute Story abgeben. Du hast das Beste aus diesem Erlebnis gemacht. Nämlich: es für Deine Leser zu einer Kurzgeschichte umgeformt. Danke dafür! :) Liebe Grüße, July.

  2. nobby morkes

    guten abend, anna … ein sehr schöner und zugleich außergwöhnlicher bericht … du hast es sehr gut auf den punkt gebracht … meistens fotografiert “der” journalist sportereignisse, doch hat ihm anno so gut gefallen, das er seit dem zweiten mal regelmäßig die termine wahrnimmt … im grund ist er ein sehr lieber und netter mensch, doch seine hektik und ratslosigkeit wird ihn auf all seinen wegen weiterhin begleiten … er ist halt so … und ändern werden wir ihn nicht … was hälst du davon, wenn ich ihm deinen artikel zusende … falls du damit einverstanden bist, wäre ich gespannt, was “er” dazu zu sagen hat … gute nacht und nette grüße nobby

    1. Anna-Leia

      Hallo Nobby,
      natürlich kannst Du ihm den Artikel zusenden, ich hab ihn schließlich öffentlich ins Internet gestellt und zur Vernetzung und Verlinkung freigegeben. ;)
      Ich will auch nicht behaupten, dass der Journalist ein schlechter Mensch ist, das hier ist mein persönlicher Eindruck, eine Momentaufnahme meiner Erfahrung.
      Sicher hat er eine ganz andere Sicht der Dinge, und die kann er auch gerne hier in einem Kommentar hinterlassen. :)
      grüße, Anna-Leia

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