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Jun 27

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Das Ende des Ich-Erzählers – Vor- und Nachteile dieser Erzählperspektive

Der Ich-Erzähler hat einen großen Vorteil und einen großen Nachteil.

Der Vorteil ist, dass man seinem Leser mit keinem anderen Erzählstil eine derartige Nähe und Verbundenheit vorgaukeln kann, wie wenn man ihn durch einen Ich-Erzähler anspricht.

Wenn Hermann Melville schreibt „Nenn mich Ismael.”, dann kann man die freundschaftliche Hand beinahe auf der eigenen Schulter spüren.

 

Gleichzeitig ein Vor- und ein Nachteil ist die begrenzte Sichtweise eines Ich-Erzählers.

Es ist vorteilhaft, wenn man dem Leser etwas vorenthalten möchte oder ihn sogar bewusst dazu bringen will, die Sicht und Einstellung des Ich-Erzählers anzuzweifeln. (Ist das , was der Ich-Erzähler grade beschreibt wirklich so oder halluziniert er vielleicht nur oder ähnliches?)

Es ist praktisch, wenn man den Leser dazu bringen will, sich mit jemandem oder etwas zu identifizieren, dessen Seite er normalerweise nicht ergreifen würde. Ein Beispiel dafür ist die „Dexter“-Reihe von Jeff Lindsay, in welcher ein Serienmörder die Hauptfigur und der Erzähler ist und uns automatisch auf seine Seite zieht.

 

Nachteilig kann es sein, wenn der Autor eine Situation erschafft, in welcher die Sichtweise des Ich-Erzählers nicht ausreicht, um die ganze Geschichte zu erzählen.

Ich persönlich habe immer das Ende des ersten Twilight-Bandes als solchen empfunden… da passiert endlich mal was und Bella wird ohnmächtig und kriegt es kaum mit… ich denke, Stephanie Meyer war da noch zu ungeübt, um die Action-Szene auszuschreiben und hat  den kurzen Weg raus genommen, aber das ist meine persönliche Meinung und keiner muss sie teilen.

Ein kulturell korrekteres Beispiel wäre hier sicherlich „The Narrative of Arthur Gordon Pym“ (1838) von Edgar Allan Poe. Es handelt sich hierbei um eine Novelle. Oder um ein vorzeitig beendetes Buch?! Es handelt von Arthur Gordon Pym und seinen verschiedenen Abenteuern zu See. Kurz vor Ende kommen wir zu einer scheinbar ausweglosen Situation, die Pym wohl kaum überleben kann.  Das Nächste ist eine Notiz des “Herausgebers”:

“The circumstances connected with the late sudden and distressing death of Mr. Pym are already well known to the public through the medium of the daily press. It is feared that the few remaining chapters which were to have completed his narrative, and which were retained by him, while the above were in type, for the purpose of revision, have been irrecoverably lost through the accident by which he perished himself. This, however, may prove not to be the case, and the papers, if ultimately found, will be given to the public. [..]”

Hier scheiden sich die Geister. Während die einen Poe genau das vorwerfen, was ich bei Meyer vermute, oder in diesem Fall, dass er ein vollwertiges Buch schreiben wollte, aber sich in eine Situation gebracht hat, aus der er nicht mehr heraus kam und zu der ihm nichts mehr einfiel, hat er dann locker weg den einfachen Weg raus gewählt hat.

Die anderen betonen, dass Poe mitunter ein Literaturtheoretiker war und uns mit dieser Geschichte die Illusion des Ich-Erzählers verdeutlichen möchte.

Wählt Eure Seite oder lasst es. ;)

 

Aber diese Überlegung bringt uns zu dem eindeutigen Nachteil des Ich-Erzählers. Diesen treffen wir, wenn wir eine Geschichte schreiben, die wir nicht aus der Ich-Perspektive beenden können. Manche Sachen gehen einfach nicht mit dem Ich-Erzähler.

Ein Beispiel ist sicher „Moby Dick“ von Herman Melville, wo der Ich-Erzähler in der ersten Ausgabe am Ende stirbt, ohne eine Möglichkeit, seine Geschichte irgendjemandem zu erzählen. Das ist ein formaler Fehler, es ist unlogisch und es fällt dem Leser auf, wie ich schon in meinem Artikel „Patrick Rothfuss oder wie man seine Leser nicht unterschätzt“ erklärte.

 

Ein zweites Beispiel für Euch, wenn Ihr den Effekt gerne mal nachvollziehen wollen, aber keine Lust habt, den 500 Seiten-Schinken von Melville zu lesen, empfehle ich „The Yellow Wallpaper“ von Charlotte Perkins Gilman, eine Kurzgeschichte über wenige Seiten. Diese Geschichte ist wirklich ausgesprochen lesenswert und verdeutlicht die Problematik recht eindeutig. Hier wird die Geschichte einer Frau erzählt, die langsam wahnsinnig wird und das in ihrem Tagebuch festhält. Am Ende wechseln wir allerdings davon, ihr Tagebuch zu lesen direkt in ihre Gedankenwelt und das, wenn auch sehr gut von Gilman geschrieben, ist ein formaler Fehler und fällt auf.

 

Mein Tipp also an Euch: nutzt den Ich-Erzähler, wenn Ihr eine enge Verbundenheit zwischen dem Leser und Eurer Figur hervorrufen wollt, aber nur, wenn Ihr die ganze Geschichte vorher durchdacht habt und Euch sicher seid, dass Ihr alles in dieser Syuzhet erzählen könnt, was ihr von der Fabula erzählen möchtet!

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://literaturfacetten.de/das-ende-des-ich-erzahlers-vor-und-nachteile-dieser-erzahlperspektive/

1 Kommentar

  1. Anna-Leia

    Oh, ein kleines P.S.:

    Der Ich-Erzähler ist nicht gleich dem Autor.
    Das bedenken aber manche Leser nicht, bzw. die Illusion ist so vollkommen, dass sie es vergessen.
    Ihr als Autor solltet immer daran denken und das in Euren Werken berücksichtigen! ;)

    Und noch ein P.P.S.:

    Wow! Das hier ist mal ein wirklich interessantes, gehobenes Interview über Aspekte des Schreibens, gute Bücher und so viel mehr. Ich kann jedem empfehlen, sich mal eine halbe Stunde Zeit zu nehmen und das hier mal ganz in Ruhe und genüsslich in sich aufzunehmen!!!

    Room for magic: A conversation with Lyndsay Faye von Maria Konnikova aus dem Blog “Literally Psyched”

    In Zusammenhang mit meinem Artikel beachtet besonders den Teil zum Ich-Erzähler!

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