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Aug 27

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Der Realismus des Dialogs – Teil 4

 

In diesem Teil geht es um die Charakterisierung Eurer Figuren im Dialog und darum, was Ihr dem Leser alles mitteilen müsst, weil er es nicht selber sehen kann.

 

Rekapitulation:

Im ersten Teil habe ich kurz erklärt, warum der tägliche Dialog nicht fürs Schreiben taugt. Mein Tipp war, nicht “Schreiben Sie realistischen Dialog!” sondern “Schreiben Sie Dialog, der realistisch KLINGT!”

Im zweiten Teil bin ich kurz auf Varianz und Wiederholung von Bezeichnungen eingegangen und habe betont, dass ihr sie –wenn auch öfter als in echten Gesprächen– in Maßen nutzen solltet.

Im dritten Teil habe ich dargelegt, weshalb kurze Sätze einen Dialog schnell und dynamisch gestalten.

 

 

Tipp 3 – Charakterisierung Eurer Figuren

Wichtig ist, dass wir unsere Figuren durch das, was sie sagen (und wie sie es sagen), charakterisieren. Denn wenn wir keine Unterscheidungen einbauen und alle unsere Figuren gleich klingen, dann produzieren wir nur zweidimensionale, unglaubwürdige Schattenwesen. Die Ausdrucksweise und das Vokabular sind wichtig für diese Charakterisierung. Ein Professor in Rente klingt anders als eine jugendliche Diebin. Ein Vampir klingt anders als ein Zwerg. Ein Marsianer klingt anders als ein Mensch. Mit Sprache schaffen wir Unterscheidungen. Das dürfen wir gerade bei Dialogen nicht vergessen.

 

Auch sehr wichtig ist das, was wir außerhalb der gesprochenen Worte schreiben. Sprache macht nur 2% dessen aus, was wirklich gesagt wird. Der Rest sind Tonlage, Gestik und Mimik. Wir dürfen aber nicht auf die Idee kommen, das eins zu eins umsetzen zu wollen.

Wenn wir jeden gesprochenen Satz mit 20 Sätzen umgeben, die alles andere umschreiben, nehmen wir jede Dynamik aus dem  Gespräch und der Leser fragt sich mit gutem Grund, warum wir uns überhaupt die Mühe machen, das Gesprochene auszuformulieren. Wir hätten auch einfach beschreiben können, was besprochen wird und wie die Leute darauf reagieren.

 

Und genau das ist die Falle! Erzählt nicht zu viel, sondern beschreibt lieber! Der Leser braucht keine Interpretation oder einen genauen Ablauf der Gefühlslage der Figuren. Je mehr ihr passiviert und beschreibt, desto größer ist der Abstand zwischen Leser und Figur.

 

“Moment mal, das ist doch Unsinn! Wenn ich weiß, wie eine Figur fühlt, kann ich mich doch viel besser mit ihr identifizieren!”, sagt ihr jetzt vielleicht.

„Ja, das stimmt.“, sage ich, „Aber bedenkt folgendes: Wen ihr wisst, wie ALLE Figuren fühlen, weil der Autor für Euch interpretiert, was sie mit ihrer Tonlage, ihrer Gestik oder ihrer Mimik ausdrücken wollen, dann steht ihr nicht neben einer Figur und identifiziert Euch mit ihr, dann seid ihr Gott und wisst, was alle denken. Das ist langweilig. Und wenn Ihr nur von einer Figur aus erzählt aber ständig für den Leser die Gebärde von sich selbst und der anderen Figur interpretiert, wirkt das unnatürlich. Wir unterhalten uns doch nicht mit anderen und erklären nebenbei einem ungesehenen Dritten, was unser Gegenüber vermutlich ausdrücken will.“

 

Die Kunst ist es, mit dem, was gesagt wird, klarer auszudrücken, was gemeint ist, als wir es in der Realität tun. Dem Leser fehlt der Hintergrund, fehlt die Optik und die Tonlage. Wir müssen das vermitteln. Tonlage und Charakter können wir in der Wortwahl andeuten. Optik sollten wir in gesundem Maß einbringen. Wählt klare, für diese Figur charakteristische Mimik und Gestik, die ihr erwähnt. Oft ist es sinnvoll, das “, sagte er.” einfach mal durch ein “, er lachte.” zu ersetzen. Der Leser weiß, dass sich da Figuren unterhalten und wir müssen ihn nicht ständig daran erinnern. Wir müssen nur sicherstellen, dass er klar erkennen kann, wer was sagt.

 

 

Im nächsten Teil gebe ich Euch ein paar Tipps dazu, wie Ihr von anderen Kunstformen für Euren Dialog lernen könnt.

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Der Realismus des Dialogs – Teil 1 (Einleitung)

Der Realismus des Dialogs – Teil 2 (Wortvarianz und -wiederholung)

Der Realismus des Dialogs – Teil 3 (Satzlänge)

Der Realismus des Dialogs – Teil 4 (Charakterisierung)

Der Realismus des Dialogs – Teil 5 (Andere Kunstformen) (Erscheint am 31.8.2012)

Der Realismus des Dialogs – Teil 6 (Visualisierung) (Erscheint am 03.09.2012)

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