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Aug 31

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Der Realismus des Dialogs – Teil 5

 

In diesem Teil möchte ich Euch ein paar Anregungen geben, Euren Dialog durch andere Kunstformen zu verbessern.

 

Rekapitulation:

Im ersten Teil habe ich kurz erklärt, warum der tägliche Dialog nicht fürs Schreiben taugt. Mein Tipp war, nicht “Schreiben Sie realistischen Dialog!” sondern “Schreiben Sie Dialog, der realistisch KLINGT!”

Im zweiten Teil bin ich kurz auf Varianz und Wiederholung von Bezeichnungen eingegangen und habe betont, dass ihr sie –wenn auch öfter als in echten Gesprächen– in Maßen nutzen solltet.

Im dritten Teil habe ich dargelegt, weshalb kurze Sätze einen Dialog schnell und dynamisch gestalten.

Im vierten habe ich dann etwas zur Charakterisierung Eurer Figuren im Dialog gesagt und dazu, was ihr dem Leser alles mitteilen müsst, weil er es nicht sieht.

 

Hier möchte ich Euch ein paar Anregungen geben, Euren Dialog durch andere Kunstformen zu verbessern.

 

 

Tipp 4 – Was wir aus Fernsehen, Theater und Comics lernen können

Ich empfehle Euch, Anregungen in anderen Kunstformen zu suchen. Vor allem, weil andere Medien andere Dinge in den Vordergrund stellen, von denen wir lernen können.

 

Zum Beispiel Fernsehen:

Hört mal genau hin, was Figuren in Filmen oder Serien sagen. Gerade in Krimis ist es interessant zu sehen, wie die Hinweise und Erklärungen dargestellt werden. Achtet mal auf den Kameraverlauf! Welche Gestik und Mimik wird betont und weshalb? Wie würdet Ihr den Effekt von Hintergrundmusik in Worten beschreiben? Könnt Ihr denselben Effekt für Euer Buch schaffen, indem Ihr z.B. die Szene beschreibt?

Meiner Meinung nach können wir aus diesem visuellen Medium sehr viel über Betonung und über Erklärung lernen.

Betonung deshalb, weil ein Regisseur viele Möglichkeiten durch Schnitt, Musik und Kameraführung hat, das gesprochene Wort zu unterstreichen. Wir können auch unterstreichen, indem wir z.B. nach einem wichtigen Satz die Reaktion des Gesprächspartners beschreiben. Was wir lernen müssen, ist an den richtigen Stellen zu unterstreichen, um die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Dinge zu lenken, die wichtig sind. Sicher kennt ihr die Szene im Krimi, wo irgendwer was sagt, das eigentlich gar nicht so wichtig scheint. Aber dann gibt es diese kleine Einspielung von Musik oder das totale Ausbleiben derselben, die uns aufmerksam macht und uns sagt „Hey, pass auf, das ist wichtig! Nicht vergessen!“

So etwas schaffen Autoren durch Beschreibungen. Diese Beschreibungen sollten irgendwie aus dem Rahmen fallen, denn Menschen fallen Dinge sofort auf, die nicht passen. Wenn die Figur also kurz zu Boden sieht, obwohl ein scheinbar normales Gesprächsthema ist, dann fragt sich der Leser, was sie irritiert hat.

Fernsehen kann uns etwas über Erklärung beibringen, weil es im Normalfall keinen Erzähler gibt. Fernsehen ist ein absolut aktives Medium in dem Sinne, dass nichts beschrieben, sondern alles gezeigt wird. Alle wichtigen Informationen müssen über Optik oder Dialog vermittelt werden.

Hier können wir uns Anregungen zum Szenenaufbau holen. Auch Cliffhanger und Spannungsbögen könnt Ihr so in Euren Büchern umsetzen. Denn Ihr wollt doch, dass der Leser weiter liest. Also blendet Eure Kapitel doch mal da ab, wo es spannend wird, und zieht Euren Leser durch das Buch.

 

Im Theater:

Was ich über das Fernsehen gesagt habe, ist im Theater oft noch besser zu sehen. Vor allem bei den Stücken, die für großes Publikum aufgesetzt werden, können wir uns Anregungen holen. Der Blickwinkel der Zuschauer kann hier nicht verändert werden, weshalb wichtige Gesten weniger sind und größer ausfallen. Lest ein Theaterstück, um zu sehen, welche Gestik und Mimik so wichtig ist, dass sie vom Autor extra in den Anweisungen vermerkt werden. Ihr werdet feststellen, dass bei alten Stücken zum Teil nicht einmal vermerkt wurde, welche Figuren zu Beginn der Szene auf der Bühne stehen. Ihr findet kein anderes Medium, das so dialogbasiert ist. Hier wird alles, was erklärt werden muss, im Dialog gesagt. Und wir können uns da was abgucken! Überlegt, was Ihr wirklich sagen MÜSST und was den Dialog nur unnötig polstert und auf Kosten der Dynamik geht!

 

In Comics/Graphic novels:

Comics sind meiner Meinung nach eine von der Gesellschaft vernachlässigte Kunstform.

Dabei können wir als Autoren hier noch etwas viel wichtigeres lernen: Weglassen.

Oft wollen wir alles erzählen, was wir im Kopf haben. Wir wollen, dass der Leser sieht, was wir sehen. Das ist aber nicht möglich. Niemand sieht genau das, was wir sehen, wenn wir unsere selbstgeschaffene Welt betrachten, genauso wenig wie ein Fremder unseren Freund aus dem Kindergarten ansehen und dieselbe Person mit denselben Qualitäten wahrnehmen kann wie wir.

Bei Comics gibt es den Strich zwischen den Bildern, im Englischen nennt man ihn „Gutter, was auf Deutsch mit „Rinnstein“ oder „Spaltenzwischenraum“ übersetzt werden kann.

 

Achtet mal darauf, was im Spaltenzwischenraum passiert!

Oft wird Handlung unterschlagen, weil nur eine gewissen Anzahl an Bildern oder ein gewisser Platz auf der Seite vorhanden ist. Der Leser verliert aber nichts daran. Wieso nicht? Wie wird diese Handlung in den darauffolgenden Bildern impliziert?

 

Wenn Ihr denkt, dass Eure Geschichte irgendwie zu langatmig klingt oder einfach nicht in Fahrt kommt, dann lest mal ein oder zwei Stunden nur Comics. Dann führt die Revision durch. Und streicht mitleidlos weg.

Aus Comics können wir lernen, wegzulassen und Schwung in unsere Geschichte zu bringen. Wir können aber auch lernen, in den richtigen Momenten Pausen einzufügen. Pausen in Comics sind meist ein wiederholtes Bild, in dem die Figuren einfach nichts sagen und sich nur anschauen.

Und wir können lernen, wie man den Erzähler nur sporadisch einsetzt, denn oft werden Übergänge durch einen Erzähler geschaffen, der nur in Form von Text in einem Kasten vorkommt.

 

Ich spreche hier übrigens über die Comics, die auch als Graphic novels bezeichnet werden, weil sie eine facettenreichere, dramatischere Geschichte erzählen als z. B. das Lustige Taschenbuch oder Snoopy.

Das heißt nicht, dass wir nicht auch von denen lernen können …aber eben nicht so viel ;) .

 

 

Im nächsten und letzten Teil gibt es noch eine Zusammenfassung und meinen größten Tipp für realistischen Dialog!

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Der Realismus des Dialogs – Teil 1 (Einleitung)

Der Realismus des Dialogs – Teil 2 (Wortvarianz und -wiederholung)

Der Realismus des Dialogs – Teil 3 (Satzlänge)

Der Realismus des Dialogs – Teil 4 (Charakterisierung)

Der Realismus des Dialogs – Teil 5 (Andere Kunstformen) (Erscheint am 31.8.2012)

Der Realismus des Dialogs – Teil 6 (Visualisierung) (Erscheint am 03.09.2012)

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