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Sep 03

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Der Realismus des Dialogs – Teil 6

 

Hier ist mein abschließender Tipp zum Thema Dialoge für Euch: Visualisierung!

 

Rekapitulation:

Im ersten Teil habe ich kurz erklärt, warum der tägliche Dialog nicht fürs Schreiben taugt. Mein Tipp war, nicht “Schreiben Sie realistischen Dialog!” sondern “Schreiben Sie Dialog, der realistisch KLINGT!”

Im zweiten Teil bin ich kurz auf Varianz und Wiederholung von Bezeichnungen eingegangen und habe betont, dass ihr sie –wenn auch öfter als in echten Gesprächen– in Maßen nutzen solltet.

Im dritten Teil habe ich dargelegt, weshalb kurze Sätze einen Dialog schnell und dynamisch gestalten.

Im vierten habe ich dann etwas zur Charakterisierung Eurer Figuren im Dialog gesagt und dazu, was ihr dem Leser alles mitteilen müsst, weil er es nicht sieht.

Im fünften Teil habe ich Euch ein paar Anregungen gegeben, Euren Dialog durch andere Kunstformen wie Fernsehen, Theater und Graphic novels zu verbessern.

 

Hier nun ist mein abschließender Tipp für Euch:

 

 

Tipp 4 – Visualisierung

Der beste Tipp für natürliche Dialoge ist meiner Meinung nach folgender: Führt Euch Eure Figuren vor Augen, bevor Ihr schreibt. Identifiziert Euch mit Ihnen und dann hört den Dialog im Kopf. Stellt Euch vor, wie Eure Figuren miteinander reden.

Hier sind einige Fragen, die Ihr Euch stellen solltet: Wer sind Eure Figuren? Welchen Hintergrund haben sie? Wie geben sie sich? Wie stehen sie zueinander? Was ist die Situation? Wie beeinflusst diese Situation Eure Figuren? Was wollen Eure Figuren dem jeweils anderen mitteilen? Was wollen sie verschweigen? Was können sie sich vielleicht selbst nicht eingestehen? Rationalisieren sie vielleicht sogar eine Entscheidung, weil sie sich den wahren Gründen nicht stellen können und verteidigen diese Argumentationskette vor anderen? Merkt die andere Figur das? Woran könnte ein unbeteiligter Beobachter sehen, dass die andere Figur es merkt? Woran könnte ein Freund es merken?

Das Schwierigste an der Darstellung von Figuren ist es oft, über all die kleinen Dinge nachzudenken, die sie prägen oder beeinflussen. Eine Figur, die immer sagt, was sie denkt, ist unrealistisch. Jeder hat Gründe für seine Entscheidungen und nicht alle sind bewusst. Unsere Aufgabe als Autoren ist es, die Figuren in unserem Kopf zu repräsentieren. Wir beschäftigen uns sehr lange und ausführlich mit ihnen, idealerweise kennen wir sie in- und auswendig.

Einen realistischen Dialog zu schreiben ist deshalb so schwierig, weil von all dem, was wir wissen und sagen wollen, nur ein kleiner Teil gesagt werden kann. Ein Dialog ist nur ein Destillat, es ist die Spitze des Eisberges.

 

Ein guter Autor schreibt keine unnützen Dialoge. Dialoge sind Mittel, um wichtige Handlungsaspekte mitzuteilen oder um den Charakter und das Zusammenspiel von Figuren zu verdeutlichen. Dialoge sind aktive Passagen, die Bewegung in die Handlung bringen.

Wir müssen in unseren Werken sicherstellen, dass unser Leser von diesen Dialogen mitnimmt, was er mitnehmen soll, ohne dass wir es ihm haarklein auseinandersetzen. Kein Leser möchte bevormundet werden. Und keine Figur verrät alles, das ist unrealistisch.

 

Es ist daher wichtig zu bedenken, dass kein Dialog in der Luft hängt. Es gibt einen Handlungsrahmen, in den er sich einfügen muss und dieser Handlungsrahmen muss dem Leser das Wissen vermitteln, das er braucht, um den Dialog zu verstehen. Dieser Handlungsrahmen wird durch den Dialog fortgeführt, zu einer Entscheidung gebracht, schlüssig. Denn auch der Dialog erklärt Dinge, die der Leser für das Verständnis des Handlungsrahmens benötigt.

 

 

Vergesst also bei aller Arbeit am Dialog nie, dass er nicht allein steht, sondern Teil des Ganzen ist. Und wenn ihr ihn genauso gut in zwei Sätzen zusammenfassen könntet, dann ist er nicht notwendig, dann lasst ihn lieber weg.

 

Und als letztes: Lest ihn laut!

Nur dann könnt Ihr wirklich feststellen, ob er holprig oder unglaubwürdig klingt.

Viele Dinge sehen auf dem Papier toll aus, aber sie klingen einfach nicht. Gerade, wenn es ein Dialog ist, der irgendwie vorgetragen werden muss, ob jetzt eine Hausaufgabe für einen Deutschkurs oder ein Bestseller, der auch als Audiobuch herauskommen soll, solltet Ihr das testen!

Oft fallen Euch dann auch noch Fehler auf, die Euer Auge einfach übersprungen hat.

Ihr könnt es dann auch aufnehmen und Euch noch einmal ganz in Ruhe anhören (wenn Ihr Eure eigene Stimme nicht so schrecklich findet wie ich meine) oder es Euch von jemand anderem vorlesen lassen. Jemand, der den Text nicht so gut kennt wie Ihr, zeigt Euch die sprachlichen Stolperfallen, die Ihr im Geist schon überbrückt habt.

 

 

Einige Fragen an Euren Dialog:

-          Welchen Sinn hat er?

-          Welche Botschaft/welche Hinweise/welche Charakterisierungen soll er vermitteln?

-          Tut er das? Ist er überhaupt notwendig?

-          Ist er zu lang/zu kurz?

-          Welchen Effekt hätte es, ihn länger oder kürzer zu machen?

-          Passt er ins Gesamtkonzept?

-          Klingt er gut, wenn Ihr ihn laut vorlest?

 

 

 

Ich hoffe sehr, dass Euch dieser (zugegeben lange) Artikel gefallen hat und Ihr etwas mitnehmen konntet, das Euch bei der Schaffung Eurer eigenen Literaturfacetten hilft!

Habt Ihr abschließend Fragen? Habe ich etwas schlecht erklärt oder stimmt Ihr mir in einigen Punkten einfach nicht zu?

:) Sagt es mir, denn ich liebe den Dialog! :)

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Der Realismus des Dialogs – Teil 1 (Einleitung)

Der Realismus des Dialogs – Teil 2 (Wortvarianz und -wiederholung)

Der Realismus des Dialogs – Teil 3 (Satzlänge)

Der Realismus des Dialogs – Teil 4 (Charakterisierung)

Der Realismus des Dialogs – Teil 5 (Andere Kunstformen) (Erscheint am 31.8.2012)

Der Realismus des Dialogs – Teil 6 (Visualisierung) (Erscheint am 03.09.2012)

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Vorheriger Teil

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