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Jun 10

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Was sind Fabula und Syuzhet und wieso sollte uns das interessieren?

 

Fabula und Syuzhet (auch sjuzhet, sujet, sjužet oder suzet (сюжет)) sind Begriffe, welche aus dem russischen Formalismus (ca. 1910-1930) erwachsen sind.

Sie beziehen sich auf den Unterschied zwischen dem, was in einer Geschichte erzählt wird, und dem, was passiert ist.

Die Fabula bedeutet aus dem Lateinischen übersetzt „Geschichte“ und bezeichnet alles, was geschehen ist, in chronologischer Reihenfolge. Es ist die erzählte Zeit.

Das Syuzhet kann als Handlung oder Plot übersetzt werden und bezeichnet das, was der Erzähler beschließt, zu erzählen, sowie die Reihenfolge, welche er dafür wählt. Es ist die Erzählzeit.

 

Das mag auf den ersten Blick etwas verwirrend erscheinen, deshalb hier ein Beispiel:

Sherlock Holmes-Geschichten sind meist in fünf Teile unterteilt:

 

  1. Ein Problem wird an Sherlock Holmes herangetragen. Oft geschieht dies durch einen Klienten, der seine Geschichte erzählt.
  2. Sherlock Holmes macht sich an die Bearbeitung des Falls. Dieser Teil ist in sich abgeschlossen und chronologisch fortlaufend. Das heißt, dass die zeitliche Reihenfolge der Ereignisse aufeinander aufbaut, ohne Flashbacks oder ähnliche Unterbrechungen. Allerdings werden dabei die Erkenntnisse, welche er durch seine Ermittlungen erlangt, nicht offenbart.
  3. Sherlock Holmes gibt eine Auflösung. Er erklärt, was geschehen ist und wie er es herausgefunden hat. Viele seiner Handlungen werden erst jetzt erklärt und er zeigt die Hinweise auf, die er gefunden hat. Der Autor gibt uns hier die Teile der Geschichte, die er uns im ersten Teil vorenthalten hat, in chronologisch fortlaufender Reihenfolge.
  4. Der Schuldige erzählt seine Geschichte. Dabei handelt es sich um die Vorgeschichte des Verbrechens. Es beleuchtet die Hintergründe und Motivation des Verbrechens. Diese Geschichte liegt zeitlich noch vor der Geschichte des Klienten.
  5. Der Fall wird kurz kommentiert und der Verbrecher wird abgeführt.

 

Die Fabula dieser Geschichte würde nun vom zeitlich ersten Ereignis bis zum Ende alles umfassen, auch Dinge, welche Sir Arthur Conan Doyle gar nicht erzählt hat. Die Reihenfolge der Fabula wäre also (4.), (1.), die Auflösung, wie das Verbrechen von Statten gegangen ist aus (3.), die Ermittlungen aus (2.) inklusive der Erkenntnisse aus (3.), (5.), sowie alles, was dazwischen passiert ist.

Das Syuzhet ist das, was der Autor uns wirklich erzählt!

 

 

Wieso ist dieser Unterschied nun interessant?

Ich denke, das habt ihr schon längst erkannt, denn das Beispiel zeigt das ja recht eindeutig: Die Spannung des Krimis entsteht erst durch das, was wir NICHT wissen. Hätte der Autor uns als erstes die Motivation, dann das Verbrechen und dann erst die Aufklärung gezeigt, wäre es langweilig für uns, das zu lesen.

Die Kluft zwischen Fabula und Syuzhet ermöglicht es dem Autor, Spannung zu erzeugen. Es ermöglicht es, die Geschichte so zu formen, wie er sie erzählen möchte. Das bedeutet auch Blickwinkel und Ausrichtung der Handlung.

 

Ja, ja, okay, graue Theorie, alles klar, verstanden … aber warum sollte Euch das jetzt interessieren?

Nun, zum einen sollte es Euch interessieren, wenn ihr selbst schreiben möchtet. Dann ist es wichtig zu wissen, was alles in welcher Reihenfolge passiert. Ihr solltet einen guten Überblick über die Fabula haben, vor allem, wenn ihr Flashbacks, Geheimnisse oder Beziehungen unter Euren Figuren einbringt, welche vor eurer Syuzhet liegen. Wenn ihr Euch vorher eine gute Übersicht von Eurer Fabula macht, ist es viel einfacher, die Logik im Griff zu behalten und zu überprüfen, ob ihr auch alle wichtigen Storyfäden von Anfang bis Ende durchdacht habt!

Dazu kommt, dass es genrespezifische Syuzhets gibt, die ihr berücksichtigen solltet, falls ihr darin schreibt. Nur als Beispiel: die klassische „Wer war es?“-Geschichte funktioniert natürlich nur, wenn ihr gewisse Dinge nicht sofort verratet, während die „Und was passiert jetzt?“-Geschichte davon abhängt, dass ihr eine Offenbarung an den Anfang des Syuzhet setzt, welche die Situation Eurer Charaktere stark verändert und beeinflusst. Das Augenmerk liegt dann darin, wie die Charaktere mit der neuen Situation umgehen.

 

Hm… okay… aber was, wenn Ihr nicht selbst schreiben wollt, ist das auch interessant, wenn Ihr „nur“ Leser seid?

Natürlich ist es das! Denn es ist meine feste Überzeugung, dass es Spaß macht, ein Buch nicht einfach nur zu lesen und zu mögen oder nicht und es dann wegzulegen und zum nächsten über zu gehen, sondern sich auch ein wenig Gedanken darüber zu machen. Ich finde es faszinierend, zu verstehen, wie Dinge funktionieren, und Bücher machen da für mich keinen Unterschied. Wenn ihr solche Sachen wie Fabula und Syuzhet kennt, dann könnt ihr Euch ein Spiel daraus machen, sie in Geschichten und Büchern zu finden, die ihr lest, und Euch überlegen, wie die Geschichte verlaufen würde, wenn sie anders aufgebaut wäre.

Es kann Euch auch im praktischen Leben helfen. Überlegt doch das nächste Mal etwas genauer, wenn ihr eine Anekdote erzählen wollt: Ist das Syuzhet optimal gewählt, um zu vermitteln, was ihr vermitteln wollt? Ist der Witz vielleicht noch etwas besser, wenn ihr das eine oder andere weglasst oder mit erzählt?

 

 

Wenn es Euch jetzt interessiert, dann denkt doch mal kurz über das nach, was ich Euch in meiner letzten Facette von Patrick Rothfuss und seinen zwei zeitlich versetzten Handlungssträngen im Namen des Windes erzählt habe. Seht Ihr, wie wunderbar die Kluft zwischen Fabula und Syuzhet dort funktioniert?
-> Patrick Rothfuss oder wie man seine Leser nicht unterschätzt

 

Die Begriffe Fabula und Syuzhet sind übrigens allgemein gebrauchte Schlagworte der Erzähltheorie und gelten für jede ihrer Unterarten, also auch z.B. in Filmen und Computerspielen.

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Referenzen:

Für alle von Euch, welche das Thema interessiert, verweise ich auf den Vorlesungskurs „Art of reading“ von The Great Courses, gehalten von Prof. Timothy Spurgin. Insbesondere auf Lektion 8: http://www.thegreatcourses.com/tgc/courses/course_detail.aspx?cid=2198

Auch den englischsprachigen Wikipedia-Artikel kann ich empfehlen, natürlich vor allem wegen der aufgeführten Referenztexte: http://en.wikipedia.org/wiki/Sujet

Und hier findet Ihr noch einen anderen Blogger, welcher sich mit dem Thema beschäftigt hat, allerdings im Zusammenhang der Filmtheorie: Erzähltheorie: plot points, storylines und das sjužet von der fabula der Formalisten 

 

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://literaturfacetten.de/was-sind-fabula-und-syuzhet-und-wieso-sollte-uns-das-interessieren/

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